Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte aus der Schweiz von W. Schneider, das ist eine liebe Freundin von mir Sie schreibt u.a. Schreckmümpfelies.

Mümpfeli ist das schweizerdeutsche Wort für „Leckerbissen, Leckerei, Schmankerl“. Schreck ist „eine heftige Emotion, die durch die Wahrnehmung von etwas Unerwartetem oder Bedrohlichem ausgelöst wird“. Packt man beides zusammen, entstehen Kurzgeschichten mit schauerhaftem Inhalt. Ob Krimi, Mystery oder Grusel – alles ist dabei, was Gänsehaut produziert.

Hier kommt Pfarrers Rosa:

Pfarrers Rosa

Rosa war wütend.
Warum musste es jetzt nach der langen Trockenperiode, ausgerechnet in der Weihnachtsnacht regnen?
Sie sass auf ihrem Stuhl unter der Kanzel und haderte mit Gott und der Welt.
Gestern noch hatte sie die Kirche auf Hochglanz gebracht, die Steinplatten poliert, den Riemenboden gewachsen und die geschnitzten Ornamente entstaubt.
Hatte es jemand von den Besuchern zur Kenntnis genommen?
Nein!
Aber die langweilige Predigt, die sich Jahr für Jahr wiederholte, würden sie loben: „Schön hat er wieder geredet, unser Herr Pfarrer,“ es hörte sich auch viel besser an als, „sauber hat sie wieder geputzt, die Rosa.“

Pfarrers Rosa war eine tüchtige Frau. Keiner im Ort würde das in Abrede stellen. Sie war zuständig für Kirche, Pfarrhaus und Friedhof. Die gute Fee, die alles in Ordnung hielt. Nur war diese gängige Redensart fehl am Platz, weil die Umschreibung so gar nicht zu ihr passte. Niemand im Ort konnte sich erinnern, Rosa je freundlich oder fröhlich gesehen zu haben.
Selbst heute fühlte sie keine Weihnachtsfreude in ihrem Herzen.
Wie von Ferne hörte sie den Pfarrer die Weihnachtsgeschichte lesen.

Ihr Blick wanderte zur ersten Bankreihe. Es waren nicht die Menschen, die sie interessierten, es waren deren Schuhe. Genau, wie sie gedacht hatte: Schwarze Gummisohlen mit Profilen, die sich mit pappigem Strassendreck gefüllt hatten, der jetzt in der Wärme bröselte und als dunkle Häufchen auf den Platten kleben blieb.
Am Ende der Bank sassen auch die Eulen aus dem Altersheim, die keinen Gottesdienst verpassten, wohl eher um der Langeweile im Altersheim zu entfliehen, als aus Gottesfürchtigkeit.
Rosa hasste die drei alten Frauen, die aus Angst vor Diebstahl ihre tropfenden Schirme nie im Vorraum stehen liessen, sondern sie mit in den Kirchenraum nahmen. Sie bräuchten sie als Gehhilfe, argumentierten sie als Ausrede..
Erbittert schaute Rosa zu, wie sich die Tropfen langsam an der Schirmspitze sammelten, auf den Plattenboden tropften und zu einem Bächlein vereinigten, das in den Fugen versickerte.

Der Pfarrer war mit der Lesung der Weihnachtsgeschichte zu Ende und begann vom harten Leben der Hirten vor zweitausend Jahren zu erzählen. Rosa war sich sicher, diese Predigt schon einmal gehört zu haben. „Er macht es sich wieder leicht,“ dachte sie und schürzte verächtlich die Lippen..
Ihr Blick schweifte jetzt die paar Treppenstufen hinauf in den Chor der Kirche. Hoch über dem Taufstein, hockte auf der Brüstung eine Putte. Der kleine Engel hatte ein verschmitztes Lächeln, als wäre sie zu jedem heiligen Schabernack bereit.
Für Rosa war die Kinderfigur nur ein Stück Gips und ein elender Staubfänger dazu.
Erst gestern war sie die höchste Trittleiter, die sie finden konnte emporgestiegen und hatte mit einem verlängerten Staubwedel eine vermeintliche Spinnwebe aus dem gelockten Haar der kleinen Statue entfernt. Kritisch tastete ihr Blick über die dralle, pausbäckige Kinderfigur. Das Gespinst war verschwunden. Rosa hasste alles, was in der Kirche und um die Kirche kreuchte und fleuchte und flatterte. Das allerschlimmste waren die Vögel, die auf die Fensterbrüstungen kackten. Wehe, sie würde einen von ihnen zu fassen kriegen…
Auf den hölzernen Stufen, die zum Altar führten, war eine Krippe aufgebaut. Die Frauen vom Gemeinnützigen Verein hatten sie in vielen Arbeitsstunden gebastelt. „Wenn die keine gescheitere Arbeit haben, sollen sie sich mit diesem Kinderkram abgeben,“ hatte sie gedacht. So richtig wütend war sie erst geworden ob der Menge von Stroh, das die Gemeinnützigen, wohl um das Geschehen in Bethlehem naturalistischer zu gestalten, über die frisch gewachsenen Stufen gestreut hatten. Sie würde Tage, ja Wochen brauchen, bis sie die Halme und den Staub aus den Ritzen und Spalten des alten Gemäuers entfernt hatte.
Rosas unsteter Blick blieb plötzlich wie gebannt an der grossen, weissen Taufkerze hängen.
Die Frauen mussten sie, des stimmigen Lichtes wegen von ihrem ursprünglichen Platz neben dem Altar entfernt und hin zum Taufstein und der Krippe gerückt haben.
Jetzt beobachtete Rosa mit Entsetzen, dass die Kerze, eines kaum spürbaren Lufthauches wegen einseitig abbrannte, die Kerzentropfen immer schneller die schlanke Kerze hinunter glitten und die Auffangschale schon mit Wachs gefüllt war, das jeden Moment auf die hölzernen Dielen tropfen konnte.
Das Holz würde den Wachs wie ein Löschblatt aufsaugen und so den Fleck für die Ewigkeit konservieren, als ständigen Vorwurf, dass sie das Unheil nicht verhindert hatte.
Rosa sass da wie versteinert. Sie konnte den Blick nicht abwenden. Dann – die Turmuhr schlug just zur zehnten Stunde, schnellte sie von ihrem Sitz hoch, rannte hin zur Kerze am Altar, pustete, die Kerzenflamme erlosch – und im selben Moment kippte die neugierige kleine Putte vom Podest, streifte beim Hinabfallen noch Rosas Schläfe und fiel zusammen mit Rosa auf das Stroh neben der Krippe.
Es passierte alles in Sekundenbruchteilen: Die Putte blieb heil und zeigte immer noch das verschmitzte Lächeln, als sei ihr ein besonders guter Streich gelungen. Rosa hatte nur eine kleine Schramme an der Schläfe. Ihr Gesicht war gelöst und entspannt, sie schien zu schlafen. Der Wachs in der Auffangschule begann zu stocken, nicht ein Tropfen war auf die Dielen geflossen.
Die drei Eulen, die erstaunlich rasch und ohne die Schirme als Gehhilfen zu benutzen zur verunfallten Rosa geeilt waren, sprachen von einem Weihnachtswunder. Sie schworen, in Rosas Gesicht für einen Moment ein Lächeln gesehen zu haben. Und dass die Pute den Sturz ohne Schaden überstanden hatte, grenzte schon fast an Zauberei.
Rosa verstarb, ohne das Bewusstsein erlangt zu haben noch in der Weihnachtsnacht.
Ob die Skulptur bei der Putzaktion verschoben wurde oder ob die Erschütterungen des Stundenschlages schuld am Unglück waren, wurde nie geklärt.

Dem Pfarrer kam der Zeitpunkt von Rosas Tod äusserst ungelegen.
In der Altjahreswoche, wenn der Stress der Adventsfeiern abgeklungen und der Weihnachtsgottesdienst vorbei war, pflegte er jeweils der sozialen Kontrolle seiner Heimatpfarrei für ein paar Tage zu entfliehen um einen Studienkollegen in der Stadt zu besuchen.
Er freute sich schon Wochen vorher auf diesen Ausflug. Er würde mit seinem Freund in einer gepflegten Gaststätte speisen, eine gute Flasche Wein trinken und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.
Eigentlich hatte er längst fahren wollen, doch selbst im Tode geisterte Rosa noch durch seine Gedanken. Wollte er sie loswerden, musste er noch vor seinem Kurzurlaub in die Stadt ihre Grabrede schreiben.
Der Lebenslauf gab nicht viel her. Sie kam auf die Welt um zu dienen. Nach einer ungefreuten Jugend bei fremden Menschen, kam sie als junges Mädchen ins Pfarrhaus um zu arbeiten und das tat sie ihr ganzes Leben lang. Mit den Jahren verlor sie sogar ihren Namen, sie wurde zu Pfarrers Rosa und leider auch zu einer freudlosen, griesgrämigen, Jungfer, die zwar Kirche und Pfarrhaus in Ordnung hielt, aber ansonsten kaum von jemandem zur Kenntnis genommen wurde.
Auch von ihm nicht. Das musste sich der Pfarrer eingestehen. Rosa hatte es niemandem leicht gemacht sie zu mögen und so liess man sie gewähren.
Eigentlich lag der Predigttext auf der Hand. Was würde besser zu Rosa passen, als der Psalm neunzig, „…wenn das Leben köstlich war, so war es Mühe und Arbeit.“ Nur konnte er sich nicht erinnern, dass er zu dem Psalmwort eine fertig geschriebene Predigt zur Hand hatte und das brauchte er jetzt ganz dringend, die Zeit drängte, er wollte hier weg.
Er angelte einen Ordner mit Manuskripten, die er vor Jahrzehnten geschrieben hatte, aus dem Schrank, schlug ihn wahllos auf und las: „Mach es wie die Vögelein unter dem Himmel, die säen nicht und ernten nicht und der liebe Gott ernähret sie doch…“
Wunderschön.
Den Text würde er nehmen. Er passte zwar zu Rosa, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, Aber dieser Text vom Urvertrauen war schön, er würde zwar Rosa mit Sicherheit nicht gefallen, doch sie hatte es ihm im Alltag auch nicht immer einfach gemacht.
Der Pfarrer nahm das Manuskript aus dem Ordner und legte es auf den Schreibtisch. Jetzt konnte er fahren.

Es war nur ein kleines Grüppchen Menschen, die in der Altjahreswoche frierend um Rosas Grab standen. Nachbarn waren es, ein paar alten Frauen, die an keiner Beerdigung fehlten und natürlich die Eulen, die wie üblich ganz vorn standen um nichts zu verpassen.
Zügig verlas der Pfarrer den Lebenslauf und erwähnte in ein paar lobenden Worten die Treue und den Fleiss der unermüdlichen Rosa.
Dann, nach einer kurzen Pause widmete er sich dem Bibeltext. Doch er kam nicht sehr weit nur bis zur Stelle, wo die Vögelein weder säen noch ernten… – da grollte es dumpf aus dem offenen Grab.
Bestürzt hielt er inne, – die Leute hoben erschrocken die Köpfe, der Friedhofgärtner sagte halblaut, „eine Erdscholle, die Nässe halt“ – die Eulen tauschten wissende Blicke, schüttelten unmerklich den Kopf, – der Pfarrer las weiter….
Die Eulen sparten das ungeheure Ereignis, das sich auf dem Friedhof zugetragen hatte, für das Abendessen im Heim auf.
Dort war ihnen auch die ungeteilte Aufmerksamkeit der gelangweilten Heimbewohner sicher.
„Nein, das waren keine feuchten Erdschollen, die zwischen Grab und Sarg gerutscht waren,“ wie ihnen der Totengräber weis machen wollte:
„Die Rosa hatte sich im Grabe gedreht.“
Es waren wenige der alten Leute, die an dieser Aussage zweifelten.
Die meisten nickten zustimmend.
Jetzt waren ja die Rauhnächte. In diesen Nächten zwischen Weihnachten und Drei Könige war vieles möglich, was sonst undenkbar schien. Jeder anständige Christenmensch wusste, dass die Seelen der Toten Ausgang haben und die Tiere sprechen konnten. Sowieso passierten da Dinge zwischen Himmel und Erden, die sich die Menschen nicht erklären konnten.

Es war schon Frühling, als die Dorfbewohner so richtig bemerkten, dass Rosas unermüdliche Hände an allen Ecken und Enden fehlten. In der düsteren alten Kirche war es noch nicht aufgefallen, dass die Dielen nicht gewachsen und die Steinplatten nicht poliert waren. Aber draussen auf dem Friedhof eroberte sich langsam aber stetig das Unkraut der Gräber.
Niemand war mehr da, der tagtäglich jätete und die Kieswege harkte.
Die Gemeinnützigen fanden sich einmal zu einer Jätaktion zusammen, die aber schon nach ein paar Stunden abgebrochen wurde. Krippenfiguren basteln war weniger anstrengend.
Als sich die Gräber langsam unkrautgrün überzogen, blieb Rosas Grab seltsam sauber. Ein Paar versamte Stiefmütterchen blühten, doch zwischen den Pflanzen war die dunkle Erde sauber und nackt.
Doch so gleichgültig die Leute Rosa zu Lebzeiten zur Kenntnis nahmen, so unbeachtet blieb auch ihr Grabhügel.
Nicht bei den Eulen.
Rosas Grab war ihnen immer einen Besuch wert. Und sie rätselten schon darüber, wer sich die Mühe machte, ausgerechnet Rosas Ruhestätte zu pflegen?
Und dann sahen sie es:
Sie wurden Zeugen, wie der haarige Schaft eines Günsels, eine fadendünne Miere und eine Grasrispe zitterten, schwankten
und langsam
wie in Zeitlupe
in der Erde
verschwanden.

Über den Autor: chrischa

1 Kommentar

  1. Hallo vielen Dank für diese ganz tolle Geschichte.Da sieht man mal wieder, sogar wenn man im Sarg liegt kann man noch etwas erleben.

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